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deMehrs K.K.-Expo

     
13.07.2007 11:32

deMehrs K.K.-Expo: II 10

10, Der erste Gruß von Irene

* Zornig kehrte René Depart auf sein Hotelzimmer zurück, schleuderte den Aktenkoffer auf das Doppelbett. Erst mal fluchte René Depart ausgiebig, ehe er zur Flasche griff. Teurer Whiskey; diese Sorte Whiskey sollte jedermann Schlückchen für Schlückchen genießen, den Whiskey im Gaumen rollen lassen, nicht ein Viertel der Flasche ex und hopp in sich hineinschütten, um loszuhusten. Als die Husterei vorbei war, warf René Depart sich auf das große Bett, legte sich den Arm über die Augen. Weiterhin ließen die Behörden niemand zu Jaques vor. Nur Souza, dem Anwalt, den er, René Depart, bezahlte, war es erlaubt, Jaques aufzusuchen. Andererseits redete Jaques kaum irgendwas mit dem Mann, der zu den Besseren seiner Zunft in diesem Land zählte. Ellenlang war die Anklage, die die oberste Behörde für Jaques vorbereitet hatte: mehrfacher Mord, räuberische Erpressung, Bestechung staatlicher Institutionen, Anstiftung zu aufrührerischen Handlungen, illegale Bodennahme, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Bandenbildung, unerlaubte wissenschaftliche Experimente in einem Privatlabor ...

* So gut könnte er, René Depart, es haben in Frankreich. Ein sorgloses Leben. In Frankreich konnte er jedoch nicht bleiben. Um die halbe Welt mußte er fliegen, seiner mißratenen Tochter Irene hinterher. Irene, die heutzutage mit diesem Jaques verheiratet war; das war hundertprozentig, da log Jaques ihn, René, nicht an. Irene, heute im Klub der Dreißiger, eine, die selber auf sich aufpassen konnte. Das mit Jaques, das war Irenes Wahl; kein Mensch mußte Jaques heiraten, nirgendwo auf der Welt, und vor allem eins nicht: mit Jaques verheiratet bleiben. Schließlich hatte Jaques Irene nicht kaserniert, hätte Irene immer eine Fluchtmöglichkeit gehabt. Statt jedoch vor Jaques zu fliehen, hatte Irene sich prächtig mit Jaques verstanden, und Irene würde sich weiter prächtig mit Jaques verstehen. Also: Was sollte der Unsinn, den er, René Depart, hier trieb? Abenteuerlust? Suchte er den Tod?

* Drei Tage war er, René Depart, im Stadtgefängnis gesessen. Die Aussagen Rials und Spearbows und die Zeitungsartikel Rials hatten ihm geholfen, rauszukommen. Dank Ignatio Rial glaubte die Welt, er, René Depart, wäre das Opfer einer Entführung gewesen. Eine Entführung, um Lösegeld zu erpressen. Denn René Depart war ein reicher, angesehener Anwalt, vertrat in Frankreich zumeist Leute mit Geld; ein vom Glück verwöhnter französischer Staranwalt. Das meinte anscheinend auch der amerikanische Offizier "Kirk Douglas", der Typ mit den langen Koteletten. Nur einmal war der bei ihm, René Depart, auf der Zelle, fragte nach den Grunddaten von René Departs Leben. Daraufhin war "Kirk Douglas" nicht wiedergekommen. "Kirk Douglas" schien die Zusammenhänge nicht zu erkennen, daß das, was Jaques eigentlich beabsichtigt hatte, Familienzusammenführung war. Er, René Depart, hätte seine Tochter Irene wiedersehen können; Tochter Irene ihn, ihren Vater.

* Die Dschungelexpedition war nicht durchzuführen. Gerne hätte er, René Depart, die Expedition in den Dschungel unternommen. Die einheimischen Leute, die mit in den Dschungel gehen hätten wollen, hatte Jack Spearbow längst bezahlt. Nur leider, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Behörden. Die Oberen wollten dem Antrag nicht stattgeben: wegen der Guerilleros. Das wären keine Schlagzeilen, die das Land nötig bräuchte, meinte der zuständige Bezirksgouverneur, wenn die PTH für solch eine Berühmtheit wie ihn, René Depart, Lösegeld erpressen könnte. Auf die mediale Propaganda der PTH, dieser Mörderbande, sollte man gut verzichten. Also war es ihm, René Depart, nicht möglich, die Orte im Dschungel aufzusuchen, wo man eine blonde Frau auf dem Rücken eines monströsen Gorillas gesehen haben wollte.

* Eigentlich ohne darin einen Sinn zu sehen, hockte René Depart sich im Bett auf. Da kam Jack Spearbow zu ihm ins Hotelzimmer gestürmt. Seit der Attacke von Jaques' Leuten, die aus ihren Gewehren Geschosse abgefeuert hatten, die ein starkes Betäubungsmittel auf Schlangengiftbasis enthielten, sah Jack Spearbow nicht mehr sonderlich gesund aus. Er, René Depart, hatte das viel besser überstanden, obwohl er einige Jahre älter war als Jack Spearbow. Jack Spearbow war zum Fernsehgerät geeilt, hatte das Ding eingeschaltet, griff sich die Fernbedienung, die oben auf der Stellfläche des knapp mannshohen Kastens herumlag, Gleich würde eine neue Nachrichtensendung auf TV3 laufen, erklärte Jack Spearbow. Das Fernsehbild und der Ton von Kanal acht waren dann endlich gekommen.

* Sie hätten Bilder von der Frau mit dem Gorillariesen, unterrichtete Jack Spearbow. Auf TV3 fing jetzt die Nachrichtensendung an, erschien nach der dramatischen Musik ein Nachrichtensprecher, der in überall auf der Welt üblicher Pose hinter dem Schreibtisch hockte. Tatsächlich war Irene der Aufmacher, hatte Jack Spearbow recht. Der Nachrichtenmensch redete davon, daß man erste Bilder von der Frau hätte, die mit dem gigantischen Gorilla im Dschungel unterwegs wäre. Sofort erschien die erste Fotografie. Das war Irene, Irene, die breit grinste, in die Kamera winkte; ein Cowboyhut bändigte Irenes Schopf. Die Jahre waren an Irene nicht spurlos vorbeigegangen; Irene war eine reife Frau geworden, ihre Wangen ein bißchen eingefallen. Nichtsdestotrotz hatte Irene gewiß für jeden Mann ihren Reiz, konnte hübsch genannt werden; die Kußlippen waren die gleichen geblieben. Einige Bilder Irenes präsentierte der Sender. Eigentlich hätte man die Frau festnehmen wollen, ließ der Nachrichtenmann abschließend vernehmen; aber die Frau hätte aus der Hüfttasche eine Blendgranate gezogen und gezündet. Daraufhin wäre Irene verschwunden gewesen.


     
12.07.2007 09:50

deMehrs K.K.-Expo: II 9

9. Jaques gibt auf

* Kaum wach, riß René Depart die Augen auf. Er blickte auf eine rotfarbene Raumdecke; gedämpfte Geigenmusik erfüllte die Räumlichkeit. Unwillkürlich dachte René Depart, er wäre irgendwo in einem Puff, auch wenn das Debussy war. Auf der Stelle verlangte René Depart von sich, sich aufzusetzen, was ihm erfreulicherweise auch gelang; die hochkommende Übelkeit  zwang ihn allerdings, sich augenblicklich wieder zurücksinken zu lassen. Am liebsten würde er ihn, René, für immer in den Schlaf schicken, den langen Schlaf, zischte eine Männerstimme; nur leider, so einfach ginge das alles nicht. Leider müßte er sich beherrschen, Stuß unterlassen. Eine beschissene Zeit wäre das gerade; wirklich eine beschissene Zeit.

* Einige Minuten vergingen, bis die Stimme sich wieder vernehmen ließ; irgendwie kam der Klang René Depart bekannt vor. Im Moment würde alles zusammenpassen, zum Beispiel er, René, hier bei ihm in der guten Stube und auf dem Pulverfaß, säuselte der Unbekannte. Endlich brachte es René Depart, sich auf ein neues hochzuschaffen. René Depart gaffte in eine grinsende Visage, einem Mann mit angegrauten Schläfen, dicke Sonnenbrille vor den Augen. Das war Jaques. Das war niemand anders als Jaques. Das füllig und breit gewordene Gesicht von Jaques. Diese Erkenntnis ließ es René Depart kurz schwarz vor Augen werden.

* Jaques hockte René Depart gegenüber in einem braunen Ledersessel. Zwischen ihnen war ein schwerer, breiter Art grauer Keramiktisch. Jaques trug eine grüne Uniform behangen mit goldenen Orden, Kordeln und allem, wohl eine Phantasie-Uniform. Um die Nasenlöcher herum sah Jaques aus, als hätte er vor kurzem Nasenbluten gehabt, hätte sich nirgendwo frischmachen können. Das wäre echt keine gute Nacht heute, fing Jaques wieder an, weinerlich fast. Jedermann wollte heute nacht nur eins: ihn, Jaques, fertigmachen. Es gäbe einfach keine Dankbarkeit auf der Welt. Für die Dinge, die abliefen, müßten sich die Idioten dann schon selber verantwortlich machen, Vollidioten, die ihr bißchen Hirn nicht im Kopf, sondern zwischen den Beinen hätten; dort würden die das herumtragen, was sie "Hirn" nannten. Die grünen Raptoren, das wären Biester, das könnte er, René, sich überhaupt nicht vorstellen. Aber die Bosse, die hätten mit allem rechnen müssen, weil er, Jaques, es ihnen gesagt hätte. Nur Scheißdreck wäre allerdings jetzt rausgekommen, nichts als Scheißdreck. Weil man Idioten mit Raptoren zusammenbringen hätte müssen; Gehirnschwämme der Marke "Homo Sapiens": dümmer ging's immer.

* Jaques schwieg ausgiebig. René Depart zögerte, Jaques, der in mieser Stimmung war, darauf anzusprechen, obwohl die eine Frage ihn bedrängte, die Frage, was Jaques mit Irene gemacht hätte. Unvermittelt lachte Jaques los. Als ob er Gedankenlesen könnte, erkundigte Jaques sich bei René Depart, ob er, René, nicht gerne wissen würde, was aus seinem Töchterchen Irene geworden wär. Schweigen bei René Depart. Erst mal müßte er, Jaques, ihm, René, mitteilen, daß Irene und er vor vier Jahren geheiratet hätten; seit vier Jahren wären sie Mann und Frau, und er, René, wäre der Schwiegerpapi. Der Mund stellte sich René Depart weit auf. Spöttisches Gelächter von Jaques. Tatsache, setzte Jaques fort, daß Irene sich von ganzem Herzen nichts mehr gewünscht hätte als eine Hochzeit in Weiß, eine kirchliche Trauung; so richtig mit einem Pfarrer, einer Kutsche, die vorfuhr, Mutti, Papi und allem Drum und Dran. Das hätte nun leider nicht geklappt.

* Es möchte Irene sehen, auf der Stelle, konnte René Depart nicht mehr an sich halten. Lässig winkte Jaques ab. Er wollte seine Tochter Irene sehen, und zwar sofort, schrie René Depart, bekam einen Hustenanfall. Es täte ihm sehr leid, das könnte er im Moment nicht anbieten; schlecht gelaufen alles, lehnte Jaques den Wunsch von René Depart ab. Nachdem René Depart sich anschickte, sich aufzurappeln, um sich auf die Füße zu stellen, präsentierte Jaques eine Pistole, die er auf dem Sessel zwischen den Beinen liegen gehabt hatte. Es täte ihm alles sehr, sehr leid, plapperte Jaques; die Pistole auf den eigenen Schwiegerpapi zu richten, das würde ihm, Jaques, nun doch nicht so leichtfallen. Anderseits, gute Lust hätte er schon, ihn, René Depart, zu erschießen, ergäbe sich die Gelegenheit dazu. Schwiegerpapi René sollte aber besser genau zuhören, weil die nette Unterhaltung jeden Moment vorbeisein konnte: Er, Jaques, hätte Irene gewiß nichts getan. Alles, was er vorhin getan hätte, wäre gewesen, draußen den Elektrozaun abzuschalten. Damit hätte Irene in den Dschungel entkommen können. So sicher wie Irene wäre im Moment hier keiner. Um Irene müßte man sich die wenigsten Sorgen machen. Er würde ihn, Jaques, eigenhändig umbringen, wäre etwas mit Irene, schwor René Depart. Die Augen zur Raumdecke verdrehend, zuckte Jaques die Schulter.

* Da, die "Freunde" wären endlich oben angekommen, rief Jaques aus, deutete mit dem Zeigefinger; lange genug hätten die Brüder sich dazu Zeit gelassen, in diesen Flügel zu gelangen, überraschend lange. Langsam drehte René Depart sich um, das zu sehen, was in seinem Rücken sein sollte. Zweimal vier große Bildschirme waren dort, in die Wand eingelassen, alle an, aber die Lautstärke ausgeschaltet. Alle Fernsehbildschirme zeigten dasselbe Bild: Uniformierte, die in einem teuer ausgestatteten Salon die Szenerie überblickten. Ein Offizier und drei Soldaten, ihre Gewehre schußbereit. Nun wollte er die amerikanischen Kriegshunde mal nicht länger warten lassen, sprach Jaques, seufzte müde; das wäre sicherlich auch in seinem, Renés, Interesse. Daß Schwiegerpapi René nicht auf dumme Gedanken verfiele, bloß weil er, Jaques, der Gatte von Irene, keine Pistole mehr in der Hand hätte.

* René Depart hielt den Mund, erhob sich jedoch mit Bedacht auf die Beine, während er auf die Bildschirmreihen starrte. Der blonde Offizier mit den unmilitärisch langen Koteletten holte ein handgroßes Gerät aus der Hüfttasche. Das Ding richtete der Mann auf die Wand gegenüber, schwang den Arm von links nach rechts und zurück. Das Arschloch würde die Mauern scannen, kommentierte Jaques, Jaques, der weiterhin anwesend war; technisch bestens ausgerüstet, die CIA-Bastarde. Trotz ihrer Technik nichts als hohle Köpfe und Ignoranten, überall auf der Welt. Und hier, in dem Scheiß-Verräterland würde sich mit Sicherheit jetzt nicht mehr viel tun. Weil kein Mensch Verträge einhalten könnte, jeder Verträge brechen könnte, wie er das wollte. Alles hätte die Rattenbande abgeknallt, Frauen, Männer, die jungen Anatotitans, Toros, Ankylos. Alles tot. Obwohl die Tiere voll harmlos wären. Auf der anderen Seite hätte er, Jaques, mit eigenen Augen beobachtet, daß jede Menge kleiner Raptoren in den Dschungel gelaufen wären. Der "CIA"-Mann zielte mit seinem Scanner auf den Fußboden. Jetzt wäre es allerhöchste Zeit für ihn, sagte Jaques, und Jaques entfernte sich.


     
11.07.2007 10:50

deMehrs K.K.-Expo: II 8

8. Rockos Ansage

* Chiulana hieß die kleine Stadt; nach Chiulana war es der nächste Weg. In der Umgebung von Chiulana hatte Unteroffizier Fernandez Diaz den Stegosaurus präpariert. Natürlich war es René Departs und Jack Spearbows Wunsch, einen Blick auf den Dino zu werfen, auch wenn der nichts als eine Fälschung war. Auf der Polizeistation von Chiulana erfuhren René Depart und Jack Spearbow, daß die europäischen Wissenschaftler namens Meyer und Hefthand Leuten Geld dafür zahlten, den "falschen Fleischhaufen", wie die zwei Europäer das im Erdloch nannten, mit Benzin zu übergießen und anzuzünden; anschließend wurde das Loch zugeschüttet. Das war ein Vergehen, dessen sich Meyer und Hefthand schuldig machten, weswegen jetzt die Behörden im ganzen Land auf der Suche nach den "Wissenschaftlern" waren. Dazu hatte man polizeiliche Ermittlungen betrieben, herausgefunden, daß keine Archäologen "Meyer" und "Hefthand" bei irgendeinem Ausgrabungsteam in zweihundert Kilometern Umkreis mitmachten. Vor der Presse würde man das jedoch gerne weiterhin geheimhalten.

* Es war René Departs Begehr, Unteroffizier Diaz im Gefängnis zu sprechen; Diaz war noch nicht ins Militärgefängnis in der Hauptstadt überführt worden. Aber dem Anliegen wurde negativ beschieden. Auch mit keinem von Diaz' Leuten durfte René Depart reden; kein Geldangebot wollte helfen, der General, der die Diaz-Sache über hatte, war unerbittlich um nicht zu sagen: Der Mann war nicht korrupt. Zum Frusttrinken begaben René Depart und Jack Spearbow sich ins "Diabolo", einem Saloon, wie er in alten nordamerikanischen Wildwestfilmen hätte vorkommen können. Im "Diabolo" saßen René Depart und Jack Spearbow bei Whiskey und Bier, ließen die Stunden vorübergehen.

* Eine abgerissene Type stellte sich vor dem Tisch auf, fragte, ob er sich zu René Depart und Jack Spearbow und den anderen in der Runde an den Tisch hocken dürfte. Laut und deutlich meinte Jack Spearbow, daß der blöde Penner sich verziehen sollte. Der schlau blickende Kerl, der einen staubig schäbigen, an manchen Stellen geflickten schwarzen Anzug anhatte, setzte sich trotzdem dazu. Er würde Rocko heißen, unterrichtete der Fremde; zwanzig Dollar auf die Hand, dann würde er, Rocko, ihnen was sagen. Neuigkeiten wären immer gut, lallte René Depart, legte zwei Zehn-Dollar-Scheine mitten auf die Tischfläche. Rocko wollte die Scheine sofort greifen, aber Jack Spearbow wischte Rocko die Hand vom Tisch, schnauzte, erst mal wollten alle hier die gute Nachricht hören. Dazu nickte Rocko. Nun erzählte Rocko, daß im "Horizonte", im Hotel "Horizonte" am anderen Ende des Städtchens, ein Journalist ein Zimmer hätte. Der Journalist wäre der, den Diaz im Dschungel getroffen hätte; der hätte von Diaz und seinem ganzen Trupp Fotos gemacht, viele Fotos.

* Gegen Mittag des darauffolgenden Tages fanden René Depart und Jack Spearbow sich im "Horizonte" ein. Für ein paar Dollar mehr: der Pegel an Freundlichkeit steigerte sich. "Zimmer neunzehn" im ersten Stock, da wohne der Gesuchte, informierte der ältliche Mann an der Rezeption. Immer noch von dem Trinkgelage des Vorabends angeschlagen, stiegen René Depart und Jack Spearbow die hölzernen Stufen in das erste Stockwerk hoch. "Zimmer neunzehn" entdeckten René Depart und Jack Spearbow am Ende des langen Ganges linker Hand. Jack Spearbow klopfte. Nichts und niemand regte sich. Neuerliches Klopfen. Keine Reaktion. Der Mensch am Hotelempfang hatte mitgeteilt, daß Herr Rial im Haus wäre. Laut schrie René Depart, daß hier nicht die Polizei wäre. Jetzt drehte sich plötzlich der Schlüssel im Schloß, öffnete sich die Holztür ein Stückchen ins Zimmerinnere. Das nicht eben sympathische Gesicht eines schwitzigen kleinen Mannes präsentierte sich; braune Schweinsäuglein glotzten ängstlich neugierig.

* Sie wären wirklich nicht von der Polizei, versicherte René Depart, stellte sich und Jack Spearbow vor. Sie wollten nichts als sich ein bißchen unterhalten, ein paar Auskünfte, wenn möglich; dafür würden sie sehr gut zahlen. Darauf zuckte Rial die Schulter, wischte sich über die verquollenen Augen, die aussahen, als hätte Rial erst vor kurzem eine Runde geweint. Rial trat zurück, ließ die Zimmertüre ganz aufschwingen. René Depart und Jack Spearbow spazierten zu Rial hinein. Als erstes fiel die teure Informationstechnik auf, die auf einem Rundtisch mit weißer Tischdecke herumstand, aufgeklappt. Auf dem Bildschirm blinkte bei weißem Hintergrund ein fingernagelgroßer schwarzer Punkt in der Mitte. Nachdem er die Türe zugemacht hatte, plapperte Rial, daß er sich sehr darüber wundern würde, daß die Polizisten nicht wieder erschienen wären; normalerweise sollten die Polizisten anwesend sein, sonst hätte es wenig Nutzen, auf dem Zimmer zu hocken, Däumchen zu drehen.

* Mit ganzem Namen hieß der kleingewachsene Journalist Ignatio Rial. Um diesem Ignatio Rial, der bei Diaz gewesen war, einen Brocken hinzuschmeißen, erzählte René Depart von Dominik Sponti, Dominik Spontis Zirkus, der "Dschungel-Schau" des Zirkus Sponti und von General Hernandez Zilla. Der Spur Spontis, des Zirkusdirektors, wäre er gefolgt, schloß René Depart seine Geschichte. Ignatio Rial kratzte sich ausgiebig hinterm Ohr, nickte, sagte, daß Herr René Depart und Herr Jack Spearbow sich nicht an den Falschen gewandt hätten. Lächelnd begab Ignatio Rial sich vor sein elektronisches Arbeitsgerät, drückte eine Taste. Der Bildschirmschoner verschwand. Schnell tippte Ignatio Rial ein paar Codes in das Zugangsfeld, öffnete darauf mit Doppelklick eines der vielen "Fenster". Anschließend wandte Ignatio Rial sich grinsend René Depart und Jack Spearbow zu, während sich in Rials Rücken auf dem Laptop-Bildschirm ein Farbfoto aufbaute. Das Foto zeigte einen "Grünschuppenraptor", wie in den Zeilen unter dem Bild zu lesen dastand. Der Raptor lag auf einer saftig grünen Wiese, das Schreckensmaul offen, daß die gefährlichen Zahnreihen bestens zu übersehen waren; Blut war das, was aus dem Maul herausgelaufen war. Die Kreatur war getötet worden.

* Es klopfte bei Ignatio Rial an der Zimmertür. Mit gerunzelter Stirn wollte Rial wissen, wer draußen wäre. Der Zimmerdienst, klang die Antwort eines Mannes. Ehe die ihm die Türe eintreten würden, würde er ihnen lieber mal aufmachen, sagte Ignatio Rial ruhig, begab sich zur Tür, drehte den Schlüssel im Schluß, machte auf. Drei vermummte Kerle drängten hintereinander herein, Gewehre im Anschlag, schrieen, niemand sollte sich bewegen. Gedämpfte Schußlaute, wie von Gewehren mit Schalldämpfer. Bloß daß diese Gewehre keine Schalldämpfer hatten.

 


     
10.07.2007 09:06

deMehrs K.K.-Expo: II 7

7. Zeitung - Radio ...

* Langsam hing René Depart das aus dem Hals, daß Jack Spearbow auf der Speisekarte immer das teuerste Menü wählte. Außerdem hatte René Depart gedacht, Jack Spearbow hätte in New York eine Frau und zwei Kinder. Was die Gattin wohl dazu sagen würde, wüßte sie, daß ihr Jack es jeden Tag nötig hatte und daß er für die Huren seinen guten Kumpel René Depart zahlen ließ. Und nicht eben die billigsten Flittchen, nein, das Puff-Ambiente mußte schon stimmen, sonst kriegte Jack die Hose nicht auf. Warum er, René Depart, mit Jack Spearbow an seiner Seite die Zeit weiter in dieser Landschaft vertrödelte, keine Ahnung. Vielleicht, damit's Jack Spearbow gut ging.

* Sämtliche ausländische Mitarbeiter von "Up-Genetics" waren vor Jahrtausenden abgereist. Auf Nimmerwiedersehen. Die einheimischen Befehlsempfänger hatten kaum irgendwas mitzuteilen. Die wirkten entweder eingeschüchtert, dumm oder störrisch, wenn man sie auf ihre Tätigkeit bei "Up-Genetics" ansprach. Das Ergebnis aller Bemühungen: gleich Null. Am offensten sprach das José Mullo, dreißig Jahre, ehemals Laborant bei "Up-Genetics", aus. Mullo jammerte regelrecht, wenn er hier Sachen erzählen würde, kämen mal Attentäter, Leute, die vielleicht nicht ihn, José, umbrachten, sondern jemanden aus seiner Familie. So war das: ein Kartell des Schweigens.

* Der Schweiß lief René Depart in Strömen überall runter. Die Hitze war drückend; die Klimaanlage im ganzen Hotel funktionierte nicht richtig. Vom Ausgehen, Bier und Schnaps saufen wurde das nicht besser. Die Frage der Fragen: Was sollte als nächstes geschehen? Praktisch hatte sich jede Spur ins Nirgendwo verloren. Nach Zilla: nichts. Wenn er und Jack Spearbow in die Staaten zurückreisten, wäre das möglicherweise das beste. Mochte sein, daß Rebecca Sponti noch etwas auf Lager hatte. Ein weiteres Geheimnis ihres Vaters Dominik. Oder Vater Dominik war wieder da, lebendig in den Schoß der Zirkusfamilie zurückgekehrt. Es klopfte an der Holztüre. Es wäre nicht abgesperrt, bellte René Depart. Jack Spearbow rannte aufgeregt in die Räumlichkeit, wedelte mit einer Zeitung, schrie, das müßte er, René Depart, auf der Stelle lesen. Den Artikel auf Seite drei.

* Lustlos faßte René Depart nach dem Käseblatt. Der Artikel auf Seite drei, wiederholte Jack Spearbow. In Ordnung, wehrte René Depärt ab, schlug Seite zwei und drei auf. Tatsächlich war der Text, auf den Jack Spearbows Finger zeigte, höchst interessant: Im Nachbarland war ein Kommando Soldaten hinter Guerilleros her. Statt auf Guerilleros stieß der Trupp auf etwas anderes: eine Horde grüner Monster auf zwei Laufbeinen. Erst Maschinengewehrsalven schlugen die angreifenden Ungeheuer in die Flucht. Sieben Soldaten überlebten den Überfall nicht. Das miserabel gedruckte Schwarzweißbild links auf Seite drei präsentierte zwei der Soldateska mit langen Gewehren, vor irgendwas, was die Strecke der getöteten Monstrositäten sein sollte. Jack Spearbow kreischte, daß er, wenn das nicht die grünen Raptoren wären, seinen Hut ohne Salz verspeisen würde.

* Für René Depart und Jack Spearbow hieß das eins: sofortige Abreise. In einem von René Depart bar bezahlten Jeep fuhren sie Richtung Grenze. Jack Spearbow steuerte den Geländewagen, entdeckte beim Hantieren mit dem Sendersuchlauf des Autoradios einen Sender aus dem Nachbarland. Nicht nur Musiktitel wurden da gespielt, sondern dazwischen interessante Geschichten in Portionen aufgetischt. Als die zweite Stunde anfing, horchten René Depart und Jack Spearbow auf. Es begann mit der Meldung, daß ein Unteroffizier namens Fernandez Diaz festgenommen worden wäre. Begründung: Vertuschung einer Schießerei unter Untergebenen, Täuschung höherer Dienststellen und der Öffentlichkeit, Aufruhr. Es wäre Unteroffizier Fernandez Diaz' Pech, daß zwei europäische Archäologen vor Ort waren und genauer hinschauten. Die riesige Kreatur, die Unteroffizier Diaz zusammen mit seinen Männern getötet haben wollten, wäre kein Stegosaurus, wie das Unteroffizier Diaz weis machen wollte, sondern wären lediglich zwei Dschungelelefanten, die im Erdloch bereits stark in Verwesung übergegangen waren, als die Europäer, Dr. Meyer und Dr. Hefthand, sich den Spaß anschauten. Das Gehörn: angespitztes, mit weißer Farbe angemaltes Holz; von einem Dinosaurier konnte wirklich nicht die Rede sein ... Wenn das, was er, Jack Spearbow, gesehen hätte, immer alles nur Elefanten gewesen wären, wäre ja alles gut, meinte Jack Spearbow, hieb mit beiden Handflächen auf das Lenkrad.


     
08.07.2007 09:29

deMehrs K.K.-Expo: II 6

6. Der freundliche General

* Hernandez Zilla gebot René Depart und Jack Spearbow in den teuren Ledersesseln seines Rauchzimmers Platz zu nehmen. Jack Spearbow und René Depart plazierten sich in den Sesseln. Noch einmal lobte René Depart das ausgezeichnete Mahl, das der Hauskoch Zillas zubereitet hatte, dann holte René Depart sein Scheckbuch aus der inneren Jackettasche. Mit einem echt goldenen Kugelschreiber schrieb René Depart einen Scheck über vierzigtausend Dollar aus. Der Betrag von vierzigtausend Dollar wäre gewiß ausreichend, General Zilla bei seinem Kampf um die Wählergunst von Nutzen zu sein, meinte René Depart. General Hernandez Zilla nickte freundlich. Es käme drauf an, legte René Depart nach; vielleicht ließe er mit sich reden, weitere sechzigtausend Dollar der Wahlkampfkasse von General Zilla zukommen zu lassen. Ein Wink General Zillas, und der Diener, der eine große Zigarrenkiste in beiden Händen hielt, kam herbei. Der Mann in Livree öffnete die Kiste, präsentierte den verehrten Gästen des Generals den Inhalt: dicke, teure Havannazigarren.

* Wenn er hier in diesem Bezirk zum Gouverneur gewählt werden wollte, bräuchte er alle Unterstützung, die er nur kriegen könnte, kehrte General Zilla zum Thema Politik zurück. Ein klein wenig wäre ihm, dem General, nun auch von ihm, René Depart, geholfen, gab René Depart zurück, grüßte mit dem Cognacschwenker. Eifrig sprach General Zilla einen Toast auf seinen freigiebigen Gast aus. Der General, der selber drei hübsche, kleine Kinder hätte, würde das sicherlich verstehen, daß die Sorge um das Kind einen Vater rasend machen könnte, umschrieb René Depart sein Anliegen. Zustimmend nickte General Hernandez Zilla mit dem Kopf, sprach, daß Kinder das Salz des Lebens wären; es gäbe auf Erden keine Speise, die gelänge, könnte man sie nicht mit einer Brise Salz abschmecken.

* Nachdem die Runde eine Weile mit dem Rauchen beschäftigt war, strich General Zilla sich über den feisten Bauch, eröffnete, daß er nicht das allergeringste Problem hätte, das zu erzählen, wovon Herr Depart und sein Freund Jack etwas hören wollten. Das wäre sogar sehr nett, mit jemandem darüber zu sprechen, mit jemand, der etwas von der Materie verstünde. Worum es sich damals gehandelt hätte, wäre eine geheime Kommandosache gewesen. Ziel: "Up-Genetics", eine Biotechnikfirma in Besitz eines internationalen Fonds. Seit längerem hieß es, daß auf dem Gelände von "Up-Genetics" seltsame Dinge vor sich gingen, und dann bekam man eine Handhabe, sich die Örtlichkeit einmal näher anzuschauen.

* Alles leitende Personal von "Up-Genetics" bestand zu dem Zeitpunkt, als das Problem gelöst wurde, aus Nordamerikanern; als ob die den Laden übernommen hätten, durch geschickte Personalpolitik. Bloß schienen sich die Damen und Herren, die führten, untereinander nicht grün zu sein, obwohl sie alle die gleiche ungefähre Herkunft hatten. Eines Nachmittags erschien ein soeben frisch bei "Up-Genetics" entlassener "Cowboy" auf der örtlichen Polizeistation. Was der Kerl den Polizisten dort mitteilte, klang eigentlich hanebüchen, richtig wahnsinnig. Aber der Cowboy mit Sporen an den Stiefeln hatte Fotos, jede Menge Fotos; außerdem legte er kopierte Computerdaten vor, die man nur auf dem Bildschirm anzuschauen brauchte. Damit untermauerte der Mann in aller Seelenruhe seine Behauptungen. Er machte darauf aufmerksam, daß es in der mittleren, der größten Lagerhalle mehrere abgegrenzte Abteile gäbe, in denen gräßliche Monster gehalten würden, "Raptoren". Die "Grünschuppenraptoren", die würde man züchten, um die Viecher zu "domestizieren". Praktisch, um Haustiere aus ihnen zu machen. Wirklich unglaublich, was der "Cowboy" auftischte.

* Wie dem auch war, "Up-Genetics" hatte sich lange einen zweifelhaften Ruf erworben. Und jetzt bekam er, Hernandez Zilla, den Auftrag, das Kommando zu führen, um auf dem Gelände von "Up-Genetics" nach dem Rechten zu schauen. Sollte der Polizei zusammen mit seinen, Zillas, Soldaten der Zutritt verwehrt werden, könnten sie sich auch mit Gewalt Zugang verschaffen. Tatsächlich weigerten sich die Pförtner hinten und vorne, den Polizisten die Tore zu öffnen; die Idioten riefen sogar den Werkschutz. Also gab er, Zilla, den Befehl, mit den Panzerfahrzeugen die Absperrungen zu durchbrechen. Im Schutz der beräderten Panzer stürmten einzelne Trupps mit verschiedenen Aufgabenstellungen das Firmengelände. Schnell waren die Bewaffneten des Werkschutzes bereit, sich zu ergeben, befanden sich die Soldaten in den Büro- und Laborräumen von "Up-Genetics", in denen nicht gearbeitet wurde. Vielmehr beschäftigten sich die anwesenden einheimischen Firmenmitarbeiter damit, Papier durch Reißwölfe zu schicken oder dieses sogar zu verbrennen und elektronische Dateien zu löschen. Das Geschehen wurde unverzüglich unterbunden. Irgendwer hatte die Leute, die bei "Up-Genetics" das Sagen hatten, gewarnt, dafür gesorgt, daß die Cowboys zehn Minuten vor dem Zugriff in ihren Limousinen abfahren konnten.

* Unvermittelt klang Schießen aus automatischen Waffen auf. Die dafür vorgesehene Kohorte hatte das Doppeltor der größten Lagerhalle aufgebrochen; dort sollten sich die Abteile mit den "Raptoren" befinden. Das mit den grünen Monstern war kein bloßes Schauermärchen, sondern blutige Realität. Die grünlichen Ungeheuer waren freigelassen, einige sprangen den eindringenden Männern aus dunklen Ecken entgegen. Die urzeitlichen Ungeheuerlichkeiten schafften es, ein Blutbad anzurichten; das dauerte, bis eines von ihnen im Kugelhagel niedersank. Am darauffolgenden Tag war in den lokalen Nachrichtenmedien zu hören und lesen, es hätte eine Schießerei zwischen den Soldaten und dem Werkschutz von "Up-Genetics" gegeben. Hinten und vorne eine Falschmeldung, die er, Zilla, eigenhändig bei den Presseleuten lanciert hatte.

* Noch etwas müßte er, Zilla, gestehen: Als er die Dinge gesehen hatte, die in der "Osthalle" von "Up-Genetics" herumstanden, hätte er sofort den Befehl gegeben, das Tor da zu versiegeln. Von dem Schönen, das in der "Osthalle" wartete, brauchte offiziell niemand zu wissen. Die Soldaten, die drinnen waren, alles sahen, bekamen für ihr Schweigen Sonderurlaub, einen Zuschlag auf ihren Sold und das Versprechen, bei nächster passender Gelegenheit befördert zu werden. Das, was in dieser Lagerhalle dastand, das waren die präparierten Dinosaurier, die, die er, Hernandez Zilla, an Dominik Sponti verkaufte. Die Viecher, die standen dort, wie auf den Abtransport wartend. Vielleicht sollten sie auch wirklich bald abgeholt werden, um auf Schiffsreise in einem Container zu gehen, nach Europa, in die Vereinigten Staaten. Die toten Saurier, die aussahen, als würden sie leben. Zu guter Letzt war er, Zilla, der Mann, der die Chance nutzte, mit den Monstern ein Geschäft zu machen. Dominik Sponti, der einen Zirkus besaß, zahlte den verlangten Preis, unternahm gar nicht den Versuch, den Betrag runterhandeln zu wollen.


     
07.07.2007 09:23

deMehrs K.K.-Expo: II 5

5. Die Tochter des Zirkusdirektors

* René Depart tigerte im Motelzimmer auf und ab. Wieder hielt er vor dem Fenster an, schaute hinaus. Außerhalb sah er nichts als bleiches Neonlicht aus der Nebelsuppe leuchten. Er würde sich jetzt erst mal eine Zigarre anzünden, verkündete Jack Spearbow, der auf dem Sofa lümmelte, Bier trank; die Braut würde sicher kommen. Es klopfte. Auf der Stelle sprang René Depart zur Tür, drückte die Klinke, öffnete. Rebecca Sponti stand auf der Schwelle, Sonnenbrille vor den Augen, den Kragen des grauen Männertrenchcoats hochgestellt, einen roten Schal vor den Lippen. Lächelnd bat René Depart Rebecca Sponti herein. Natürlich käme sie gerne überallhin, wenn der Mann, der dem Zirkus Sponti zweihunderttausend Dollar spendete, das von ihr verlangte, meinte Rebecca Sponti, nachdem sie in die gute Stube reingeschritten war, die Sonnenbrille abnahm, sich von Schal und Trenchcoat befreite. Zwar verstünde sie nicht, warum sie den Gönner, der dem Zirkus über die nächste schwere Zeit hinweghalf, nicht in einem besseren Rahmen der Öffentlichkeit präsentieren dürfte, warum daraus ein Geheimnis gemacht werden müßte, aber der, der zahlte, der hätte das Sagen. Da wär sie nun, in diesem Hinterzimmer in einem billigen Motel, statt in einem noblem Restaurant zusammen mit Zirkusmitarbeitern und Freunden.

* Was er nötig hätte, wären Informationen, raunte René Depart Rebecca Sponti hin, die auf dem einzigen Stuhl in der kargen Räumlichkeit Platz genommen hatte. Die rothaarige, hübsche Rebecca Sponti nickte. Jaques hieße der Mann, hinter dem er her wäre, informierte René Depart; Jaques, das wäre der Mann, der ihm an einem mysteriösen Ort die Tochter genommen hätte. Wenn ihr Vater nicht spurlos verschwunden wäre, wäre der gewiß der bessere Ansprechpartner, redete Rebecca Sponti, die Stirn gerunzelt. Seltsam, daß bloß die Zugwaggons total ausbrannten, in denen sich die präparierten Dinosaurier befunden hätten, die der Zirkus Sponti in seiner "Dschungel-Schau" ausstellte, wechselte René Depart das Thema. Es wäre jetzt gewiß, daß sich ihr Vater Dominik in keinem der Waggons befunden hätte, unterrichtete Rebecca Sponti. Die Sachverständigen, die der Zirkus zuzog, bestätigten außerdem die Tatsache, daß es ein Kurzschluß gewesen wär, der zu dem Brand geführt hatte, der schnell von Waggon zu Waggon übersprang. Unzufrieden blaffte René Depart, daß das ein Blinder sehen müßte, daß die Sache zum Himmel stank, daß es die, die das Feuer gelegt hätten, nur darauf abgesehen hatten, die Dinosaurier-Ausstellung lahmzulegen.

* René Depart stellte fest, daß er seinem "Freund" Jaques schon ein Stückchen näher wäre, wenn er wüßte, woher der Zirkus Sponti die Sammlung der präparierten Dinosaurier hätte. Ihr Vater hätte die großen Kisten einfach von seiner letzten Reise nach Südamerika mitgebracht, gab Rebecca Sponti zurück. Es wäre für sie alle unfaßlich gewesen, als ihr Vater die Kisten hatte öffnen lassen. So was hatte die Welt noch nicht gesehen: Dinosaurier, die aussahen, als könnten sie jeden Moment lebendig auf einen zuspringen. Oft hätte sie sich vor dem Ende der Schau gefürchtet, wenn sie die letzte war, die das Licht ausmachte; unglaublich echt, plastisch und lebendig, diese Kreaturen. Ihr Vater Dominik hätte einmal nebenbei gemeint, er hätte die Dinosaurier für einen Sonderpreis gekriegt; wieviel genau das trotzdem war, hätte ihr Vater nie preisgegeben. Außerdem hätte Vater Dominik, weil die Schau solch ein Publikumserfolg war, richtig Geld in die Kasse des Zirkus spülte, in kürzester Zeit sämtliche Schulden des Zirkus Sponti getilgt.

* Woher die Präparate kämen, da wüßte sie was, versetzte Rebecca Sponti, blickte in irgendwelche unbestimmten Fernen. Sie könnte sich erinnern, daß ihr Vater Dominik von einem General gesprochen hätte. Ihr Vater Dominik war in Südamerika unterwegs, um Tiere für den Zirkus einzukaufen. Auf einer seiner Fahrten durch die Lande hatte Vater Dominik den Generals getroffen. Ihr Vater hätte bei dem General gespeist. Nach dem Essen hätte der Mann zu ihrem Vater gesagt, daß er da vielleicht etwas Nettes wüßte, etwas, wofür Vater Dominik sich brennend interessieren würde. Am nächsten Nachmittag erschienen zwei Unteroffiziere im Hotel ihres Vaters. Zu dritt stiegen sie in einen großen Wagen. Vater Dominik durfte nicht mitbekommen, wohin die Fahrt ging, also verband man ihm die Augen; keine angenehme Sache. Als Vater Dominik die Augenbinde wieder abgenommen wurde, befand man sich in einer größeren Lagerhalle, in der große Dinge herumstanden, alles mit weißem Tuch zugedeckt. Nachdem eines der Laken heruntergezogen wurde, stand dort ein Dinosaurier Vater Dominik gegenüber. Ein riesiger Saurier, der so echt aussah, daß Vater Dominik am liebsten davongerannt wäre. Das war es; Vater Dominik zahlte den verlangten Preis, handelte nicht lange wegen dem Geld. Vater Dominik war überzeugt, etwas Echtes vor sich zu sehen; die Arbeit eines hochbegabten Künstlers und Präparators. Klar könnte sie, Rebecca Sponti, die Sachen ihres Vaters Dominik auf den Kopf stellen, nachschauen, ob sie nicht doch Hinweise darauf fände, in welchen Ländern Südamerikas Vater Dominik sich gerade zu der Zeit herumtrieb.


     
06.07.2007 09:03

deMehrs K.K.-Expo: II 4

4. Spuren im Sand der Zeit

* Auch zwei Tage drauf erschien Jack Spearbow pünktlich zur Verabredung. Mit ein paar Getränken aus dem nächsten Supermarkt in der Papiertüte begab René Depart sich zusammen mit Jack Spearbow in ein billiges Hotel namens "Serenade". An der Rezeption bezahlte René Depart das Zimmer für die Nacht. Schließlich saßen René Depart und Jack Spearbow sich in "No. 30" gegenüber. Jack Spearbow riß zwei Dosen Bier auf, schob René Depart eine Dose rüber. Über die Abenteuer auf der Insel, die Insel, die kein Mensch kannte, hätte er all die Jahre über geschwiegen, eröffnete René Depart die Gesprächsrunde. Seine Freunde, die damals mit ihm auf der "Peter" waren, hätte er allesamt aus den Augen verloren; von seiner Frau Ruth hätte er sich vor kurzem erst scheiden lassen. Außerdem hätten alle sie, die sie auf der "Peter" waren, bloß für verrückt erklärt, hätten sie der Öffentlichkeit ihre Geschichte ausbreiten wollen. Was von Dinosauriern und Riesenaffen auf einer mysteriösen Insel mitten im Ozean zu berichten, von der nie jemand irgendwas gehört hatte, wo jedes Kind wußte, daß es Dinosaurier seit Jahrmillionen nicht mehr gab, von den Vögeln abgesehen. Ohne lange erst lange zu fragen, griff sich Jack Spearbow eine von René Departs Zigarren und nickte.

* Was für Geld man machen könnte, wenn man den Längen- und den Breitengrad wüßte, wo die Insel lag, sprach Jack Spearbow aus, was in seinem Kopf vorging. Den Sicherheitsgürtel rund um die Insel zu überwinden und mit einer Horde Journalisten an Land zu gehen, die sofort mit der Live-Berichterstattung anfing. Jaques und Jaques' Hintermänner hätten die Karte, sagte René Depart dazu. Obwohl die die Karte hätten, erfuhr die Menschenwelt nichts von der Insel, wunderte sich Jack Spearbow. Immer hätte er gehofft, mal was von Jaques zu hören, irgendwie, irgendwo, meinte René Depart; aber: nichts. Irene meldete sich ebenfalls nicht daheim; nicht mit einer Silbe oder einem Zeichen unterrichtete Irene ihre Familie darüber, daß sie noch am Leben war. Aus diesem Grund wäre er, René Depart, jetzt auch in die Staaten gereist: Er wollte wissen, was aus seiner Tochter Irene geworden war. Das zu erfahren, das war sein Ziel.

* Jack Spearbow erkundigte sich, ob da wirklich nichts gewesen wäre, all die Jahre. Ein bißchen was schon, antwortete René Depart. Einige Mitarbeiter seiner Hauptkanzlei in Paris, die er auf die Sache angesetzt hatte, hätten herausgefunden, daß eine Firma mit den zwei diagonal sich gegenüberliegenden Kreuzen tatsächlich existierte. Jedoch nur auf den Bahamas. Nachdem er, René Depart, auf die Bahamas gereist war, entdeckte er, daß die angegebene Adresse zwar die richtige, "Tech.-Adv.Internatinal" jedoch nichts als eine Briefkastenfirma war. Trotzdem war das mit "Tech.-Adv.International" fett. Im Handelsregister auf den Bahamas war "Tech.-Adv.International, Firma zur Erforschung der Weltmeere und des Genoms der Meeresbewohner" mit einem freien Grundkapital von zwei Milliarden Dollar eingetragen. Schrill pfiff Jack Spearbow durch die Zähne.

* Interessant wäre noch eine andere Geschichte, setzte René Depart fort. Vor zwei Jahren hätten seine Mitarbeiter, als sie an einem anderen Fall arbeiteten, im Netzwerk von "Pharmakika", "Pharmakika", ein weltweit operierendes Pharma-Unternehmen, den Namen "Tech.-Adv.International" gefunden, total versteckt. Der genaue Link lautete: "dele-gate.org/tech.-adv.international.org/inhabitent.org.com/". Das hätten sie dann eingegeben. Darauf erschien eine Seite. Der Text drehte sich darum, daß "Tech.-Adv.International" eine private Firma wäre, die sich verpflichtet hätte, mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit ausschließlich dem Wohle der Menschheit zu dienen. Jack Spearbow lachte.

* Ein Dreifachklick auf das Firmenlogo: das Bild einer braunen Holztüre erschien; das Türschloß: übergroß abgebildet. Nach einfachem Klick auf das Schloß: zwei Zeilen. Die Worte sagten, daß der Besucher keinen Schlüssel hätte. Wenn der Besucher durch die Türe hineingehen wolle, müßte er dreißigtausend Dollar bezahlen; Zahlungsart, Bank und Kontonummer in Klammern. In Ordnung, beschied er, René Depart, seinen Leuten, einmal zahlte die Kanzlei das. Die Überweisung an die Bank auf den Bahamas wurde ausgeschrieben. Ein paar Tage drauf erhielt die Kanzlei Post, normale Post, die ein Postbote brachte, ein Einschreiben von dem Bankhaus. Drinnen ein Dokument, mit dem die Bank den Erhalt des Geldes bestätigte, unten im Text: einige Erklärungen zu dem Nummern-Code, den sie im Internet eingeben müßten. Als sie die Nummer und alles nach Gebrauchsanweisung eingaben, den "Schlüssel 929" ins Schloß steckten, paßte der nicht. Bei jedem neuen Versuch paßte der Schlüssel nicht. Das hieß, jeder durfte die dreißigtausend Dollar zahlen. Aber nicht jeder durfte durch die "Türe" hineingehen. Allem Anschein nach hatten die Leute die Informationen, die man mitgeteilt hatte, gegengeprüft, und die Daten wurden nicht für opportun befunden.


     
05.07.2007 09:05

deMehrs K.K.-Expo: II 3

3. Wiedersehen mit Jack Spearbow

* Zum Spaß in die Vereinigten Staaten von Amerika zu fliegen, das wäre René Depart nicht eingefallen; das unternahm man wirklich nur, wenn man mußte. Die Fragekataloge, denen René Depart ausgesetzt war, erschienen ihm wie ein menschlicher Offenbarungseid. Die Vereinigten Staaten fraßen Daten von überallher wie der alte Moloch. Die Sicherheitsmaßnahmen, denen René Depart begegnete: schwerlich zu überbieten. Ohne alles war René Depart auf dem Flughafen angekommen; nur seine Scheckkarten hatte er dabei. Die Scheckkarten waren gut für ein Zwei-Millionen-Dollar-Geschäft; gedeckte Schecks, auszuschreiben bis zum Abwinken. Als erstes hatte René Depart sich in New York eine Zahnbürste gekauft, dann die restliche Ausrüstung. Und wenn er gewollt hätte, hätte er schon am nächsten Straßeneck eine Fünfundvierziger bekommen, eine Pumpgun und die Chemie für Sprengstoff. Kein Problem. Weil er, René Depart, gewußt hätte, wie man das Zeug mischte und zur Explosion brachte, hätte er das im Sinn gehabt. Von Polizisten, FBI, CIA war hierbei nirgendwo die Rede, die untersuchten den Fall erst danach.

* Das war das Greenwich Village in New York. Mit Sonnenbrille vor den Augen stieg René Depart aus dem gelben Taxi. Der Taxifahrer hatte ihn genau gegenüber dem "Greece No. III" abgesetzt. Im "Greece No. III" wollten Jack Spearbow und er sich gegen halb acht Uhr treffen. Jetzt war es erst sieben, aber René Depart begab sich auf der Stelle in das Restaurant für griechische Spezialitäten.

* René Depart winkte einem Kellner, sagte ihm, daß er René Depart wäre und daß für ihn und Mr. Jack Spearbow ein Tisch reserviert wär. Der Restaurantangestellte wußte Bescheid, ohne bei wem nachfragen zu müssen. Der blonde Bursche führte René Depart an einen Rundtisch hinter grünen Trennwänden. Weil Jack Spearbow noch nicht anwesend war, bestellte René Depart erst mal eine Flasche Sprudelwasser, griechisch. Aber Jack Spearbow ließ nicht lange auf sich warten, erschien ebenfalls zu früh, grinste über das ganze schwarze Gesicht.

* Der Kellner war gekommen, fragte, ob das Essen geschmeckt hätte. Jack Spearbow und René Depart bejahten das. Dann räumte der Angestellte des "Greece No. III" die Teller ab, verzog sich wieder. Umständlich zündete Jack Spearbow sich eine von René Departs Zigarren an. Zum wiederholten Male wichen René Departs Augen dem Blick Jack Spearbows aus. Man wäre sich mit den Jahren nicht sympathischer geworden, konstatierte Jack Spearbow. Daraufhin nickte René Depart. Jack Spearbow meinte, daß er immer ein beliebter Mann gewesen wär, keine "Etappenratte". René Depart zuckte die Schulter, erklärte, daß die Abneigung mit der Vergangenheit zu tun hätte. Nun präsentierte Jack Spearbow ein lässiges Schulterzucken.

* Willens, festen Boden unter die Füße zu bekommen, erzählte René Depart davon, wie sich alle auf der "Peter" damals in die Hosen gemacht hätten, als eine kleine Kriegsschifflottilie am Horizont aufgetaucht war. Allesamt waren sie der Meinung, das wäre das Ende, daß sie an Bord der "Peter" immer noch zu nahe der verfluchten Insel sich befänden. Tatsächlich näherte sich das kleinste Schiff, zeigte in einer halben Seemeile Entfernung die Breitseite. Jeden Augenblick eröffnete der Amerikaner das Feuer, dachten sie auf der "Peter", die "Peter", die antriebslos im Meer schwamm. Dann hatten sie einen SOS-Ruf abgesetzt, den die Amerikaner empfangen haben mußten. Wenig später nahm der Kreuzer die Fahrt wieder auf, kehrte in das Bugwasser der drei größeren Kriegsschiffe zurück, während sie von der "Peter" immer noch SOS-Rufe hinterherschickten. Da hätte man aber verdammtes Glück gehabt, versetzte Jack Spearbow; da konnte keiner mehr behaupten, er hätte im Leben kein Glück gehabt. Helmut und Markus Unger hätten dieses Glück nicht gehabt. Helmut und Markus Unger hätten die Suchtrupps auf der Insel aufgegriffen. Kurz wurden Helmut und Markus Unger vorgeführt und befragt und anschließend unverzüglich vor ein Exekutionskommando gebracht und erschossen. Drei Typen aus Jaques' Mannschaft waren ebenfalls übrig; denen erging es nicht anders. Plötzlich befiel René Depart eine Unruhe, er guckte herum, schaute jedoch nichts als die grünen Trennwände.


     
04.07.2007 10:01

deMehrs K.K.-Expo: II 2

2. Aus Zeitungen und Magazinen

* Verloren saß René Depart auf dem schwarzledernen Ruhesofa in seinem Privatbüro; die tausendsten Erinnerungen daran, wie und wo er Jack Spearbow zum ersten Male begegnen mußte, waren in seinem Kopf. Das Expreßpaket Jack Spearbows stand vor ihm auf dem niedrigen Getränketischchen; unversehens war da diese Scheu gewesen, sich das anzuschauen, was der Paketinhalt war. Zittrig griff René Depart erneut nach der Schere. Auf einmal entschlossen, stieß René Depart die Metallspitze mitten in das dunkelgraue Klebeband, schnitt das Paket in der Mitte auf, riß die Pappflügel mit beiden Händen auseinander. Auf einer blauen Plastiktüte fand sich ein weißer Briefumschlag, auf den in schwarzen Großbuchstaben "Für René Depart" gemalt war.

* Gereizt schlitzte René Depart den Umschlag mit dem Brieföffner vom Schreibtisch auf. Zwei zusammgeheftete, gefaltete Blatt Papier waren drinnen. "Persönlich zu Händen von Monsieurs René Depart", schrieb Jack Spearbow in Französisch mitten auf die erste Seite. Im amerikanischen Text auf Seite zwei erzählte Jack Spearbow, daß er sich vor drei Jahren aus den Diensten bei den "Marines" verabschiedet und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte; darauf folgte die genaue Anschrift Jack Spearbows in New York. Wenn er, René Depart, demnächst in die Staaten abreisen würde, könnten sie sich zu jeder Zeit treffen. Das wäre so sicher wie das Amen in der Kirche, daß er, René Depart, bald in die Staaten reisen würde.

* Als René Depart in die Plastiktüte hineinblickte, sah er nichts als einen dicht zusammengepreßten Papierhaufen. Ohne große Umstände schüttete René Depart den Tüteninhalt auf den Teppichboden. Das blieb ein ziemliches Brikett. Nichts als zusammengelegte Zeitungsseiten, Seiten aus Hochglanzmagazinen, ausgeschnittene Zeitungsartikel ... Mit dem sollte er, René Depart, sich anscheinend spielen. Also plazierte René Depart sich mit dem Hinterteil am Teppich, begann mit dem Geschäft. Jack Spearbow schien ein Faible dafür zu haben, was die Damen und Herren Schauspieler in den Vereinigten Staaten von Nordamerika trieben und mit wem.

* Die Zeit verstrich, und René Depart fühlte sich langsam von Jack Spearbow verarscht. Eben wollte René Depart sich erheben, zur Abwechslung mal zum lautlos gestellten, ewig blinkenden Telefon sich begeben, dem erstbesten, der ihn belästigen wollte, einige nette Worte sagen, egal, wer das war, da zuckte René Depart zurück. Weit riß René Depart die Augen auf. Auf dem Hochglanzfoto, das er anschaute, erkannte er einen der grobschuppigen grünen Raptoren, einen Raptor der besonderen Art, einen, der ihm nur zu gut bekannt war. Das Farbfoto brachte den Raptorensproß sehr realistisch rüber, aber im Text drunter hieß es, daß der Präparator seiner Phantasie wohl ziemlich freien Lauf gelassen hätte, zweifellos ein sehr kunstfertig hergestelltes Tier; aber es konnte wohl kaum die Rede davon sein, daß solch ein Lebewesen tatsächlich in der Gegenwart von einem Jäger erlegt worden wäre. Das große Zittern war über René Depart gekommen. Oft hatte er in der Vergangenheit von den grünen Raptoren geträumt; manchmal erinnerte ihn bloßes Vogelgezwitscher in einem Garten an diese Unwesen. Diese Monster waren gräßlich, gefährlich und hochintelligent.

* Richtig das Fieber war über René Depart gekommen. Alles um sich herum vergessend, schaffte er sich von Papierstück zu Papierstück. Endlich kriegte er wieder was in die Finger. Der Artikel haute aus den Socken. Es war von einem Wanderzirkus zu lesen, der "Sponti" hieß, der in den Staaten auf Tournee war. Der Zirkus sorgte mit seiner "Dschungel-Schau" für helle Aufregung. Die Zirkusleute präsentierten nicht bloß präparierte Urwaldkrokodile, Warane und so - sie hatten noch ganz andere urweltliche Lebewesen auf Lager. Einen Anatotiten, einen Torosaurus, zwei Ankylosaurusse; dazu sieben Exemplare der grünschuppigen Raptorenart. Der Zirkusdirektor Dominik Sponti meinte zu dem Journalisten, daß die urzeitlichen Ungeheuer erst vor einigen Monaten im Amazonasgebiet erlegt und dort bald darauf von fachkundigen Männern und Frauen präpariert worden wären.


     
03.07.2007 08:48

deMehrs K.K.-Expo: II 1

2. Teil: Die Suche nach der weißen Frau

Elf Jahre später

1. Der Expreßbote

* Julia würde nicht wieder zu ihm kommen, das schwor sich René Depart; diesesmal war es das. Gerade zwei Stunden hatte er die Nacht geschlafen, wegen Julia und Julias wüsten Beschimpfungen und Drohungen. So was stand nicht in den Geschäftsbedingungen mit dem Eskortservice. Dort war nichts fixiert, was "Liebe" hieß; oder daß der Kunde, zu dem die Liebesdienerin hochkam, ihre Dienstleistungen anzubieten, diese heiraten sollte. Ob die Philosophiestudentin Julia Coré noch einmal von einem Freier solch eine Summe kriegte, wie sie sie von ihm bekam, das war die Frage. Für jede Nacht, die Julia Coré exklusiv bei ihm verbracht hatte, hatte er den Betrag bezahlt, den Julia Coré erhalten hätte, wenn sie die Nachtstunden durch bei zwölf Männern gelegen wäre. Dazu die Geschenke, die Julia Coré nebenbei mitnahm: teure Halsbänder, Diamantringe und Pelzmäntel.

* René Depart schmiß den elektrischen Naßrasierer ausgeschaltet in die volle Badewanne. Julia, das Miststück, dachte, sie könnte das für sich ausnützen, daß bei René Depart eben die Scheidung von Frau Ruth durch war. An die Stelle Ruthies wollte Julia Coré sich ihm zur Rechten plazieren. Wenn er nicht wolle, daß sie zur Presse ginge, der Journaille ihre Geschichten erzähle, müßte er ihr erlauben, daß sie bei ihm einzog. Der Wahnsinn! Was glaubte die? Was war das für ein Gott Julia Corés? Vollkommen durchgeknallt, Julia, die kleine Hure.

* Mies gelaunt war Julia bereits raufgekommen. Und Julia war schmutzig; erst ihre Unterwäsche, dann sie selber. Nur aus dem Mund hatte sie nicht gestunken, von dem abgesehen, was sie sprach. Julia quakte, jeder dürfte mal dreckig sein; sie beide, sie könnten doch jederzeit zu zweit in die Wanne steigen. Danach wäre sie sofort sauber, und auch er würde besser duften. Wie die zu reden wagte, wie die sich aufführte, keifte, schrie. René Depart trat den mit rotem Samt verkleideten Abfalleimer zur Seite, daß es ein Umstand war, daß das Teil samt Inhalt nicht umfiel.

* Da traf Julia den Nagel auf den Kopf: Die Schlagzeilen der Regenbogenpresse, die geschäftsschädigend waren, würden nicht weniger werden, wenn sie über ihr Verhältnis mit René Depart plauderte. Ruthie hatte ja bereits nicht darauf verzichten können, jedem Reporter, der bei ihr wegen eines Interviews nachfragte, ins Mikrophon zu plappern. Die Journalisten hatten Überschriften verfaßt wie: "Der alternde Staranwalt und der wilde Sex"; "Das Scheitern einer offenen Ehe"; "Geiziger Anwalt der oberen Zehntausend ficht Ehevertrag an" ... Wenn Julia Coré jetzt nachlegte, das würde die Auflagen weiterhin hochhalten. Zumindest war es das mit Ruthie, hatte er von nun an Ruhe vor Ruthie und ihren Freundinnen, Verwandten und Ruthies Einflüsterern.

* Es klingelte an der Wohnungstüre. Seufzend band René Depart den Bademantel zu, schritt in Badelatschen den langen Gang zur Wohnungstür hinunter. Er schaute durch das Guckloch, öffnete. Der orange uniformierte Expreßbote lächelte angenehm freundlich, grüßte. Ob er Herr René Depart wäre, fragte der Mann. Natürlich war er René Depart, antwortete René Depart. Der Bote nickte, hielt René Depart das schuhschachtelgroße, hellbraune Paket entgegen. Als René Depart den Namen des Absenders gelesen hatte, traten ihm die Augen aus dem Kopf: Jack Spearbow. Jack Spearbow! Wie in Trance unterschrieb René Depart die Quittung, reichte dem Expreßdienstangestellten aus dem Geldbeutel für alle Fälle auf der Ablage rechter Hand der Türe einen Tausender.


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